November 1st, 2010
Bolero
Art De Vivre
by Tina Bremer
Design-Hurrikan in Miami
Craig Robins hat die « Design Miami» mitbegründet und den Design District etabliert. Jetzt verkündet er Neues: Der Design District soll zur ersten Adresse für Luxusmode werden und die « Design Miami» ziehtum.
Das Handy klingelt. Mal wieder. « Das geht nicht jeden Tag so, aber diesen Anruf muss ich annehmen», entschuldigt sich Craig Robins und greift zu seinem Blackberry. Es ist Mitte September und abwechselnd läuten Robins Handy oder das altmodische Telefon, das auf seinem Schreibtisch steht. Noch zweieinhalb Monate bis zur « Design Miami», der wichtigsten Messe für Design des 20. und 21. Jahrhunderts. Robins, 47, ImmobilienmogulundKunstsammler, hat die Messe vor fünf Jahren mit seiner ehemaligen Partnerin Ambra Medda gegründet, als Satellitenveranstaltung zur jährlich stattfindenden « Art Basel Miami Beach».
Mittlerweile braucht die « Design Miami» die Strahlkraft der grossen Schwester nicht mehr. « Dieses Jahr erwarten wir doppelt so viele Galeristen wie vergangenes Jahr, deshalb zieht die Messevom Design District nach South Beach, wir brauchen mehr Platz», sagt Robins. « Egal wie viel Kunstmanbesitzt,manbraucht Design. Stühle, auf denenmansitzt, Tische, von denenmanisst.» Es ist das erste Mal, dass die Messe ihre Zelte in der Glitzerwelt von South Beach aufschlägt, in direkter Nachbarschaft zur « Art Basel Miami Beach». Dort,wogepimpte Maseratis die Collins Avenue entlang cruisen, Palmen sich im tropischen Wind wiegen, die Röcke der Frauen genauso kurz wie die Stilettos hoch sind und Paris Hilton und Jennifer Lopez in den teuersten Clubs der Stadt « Sex on the Beach» schlürfen.
Dass Miami kein verschlafenes Rentnerparadies, sondern nach New York und Los Angeles eine der wichtigsten Adressen für Kunst und Design in Amerika ist, dazu hat Robins massgeblich beigetragen. Nach seinem Jurastudium stieg er – unterstützt von seinemVater – ins Immobiliengeschäft ein. Dabei träumte der damals 24-Jährige eigentlich davon, Kunsthändler zu werden. « MeineEltern wollten mirzumExameneine goldeneUhrschenken, ich entschied mich für eine Zeichnung von Dali.» Als er ein Studio im Art Deco District suchte, bot ihm jemand zwei Häuserhälften für 20 000 Dollar an. « Ein unglaublicher Preis», sagt Robins und schaut durch seine Brillengläser immer noch ein wenig ungläubig drein. Er kaufte ein bonbonfarbenes Haus nachdemanderen, polierte die heruntergekommenen Gebäude-Juwelen auf und machte ein Vermögen. « Der erste Künstler, der in meinem Studio ausgestellt hat, war Keith Haring», sagt Robins. « Ich selbst sammle nur Künstler, die noch nicht von der Kunst-Mafia gehypt werden.»
Mittlerweile hat Robins den Überblick verloren, wie gross seine Kunstsammlung ist. DieRäumevon Dacra, seiner Immobilienfirma im Design District, gleichen einer Galerie für Gegenwartskunst. In Robins Büro im dritten Stock des Buick Buildings hängen Zeichnungen von John Baldessari an derWand, stehen Stühle von Gio Ponti, auf einem Regal das Modell des « Z. Car» von Zaha Hadid. « Viele Kunstwerke befinden sich hier oder in meinem Zweithaus auf Aqua Island. (Privatinsel zwischen Miami und Miami Beach, Anm. d. Red.) Ich habe zwei Söhne, zehn und zwölf, das ist ein sehr gefährliches Alter, wennmanwertvolle Gegenstände besitzt», sagt Robins und lacht. 90 Prozent der erworbenen Kunstwerke behält er, den Rest tauscht er ein. Etwa gegen Gemälde der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas, von denen er fast 30 besitzt. « Für mich ist es wichtig, welche Bedeutung einWerk hat und nicht, welchen Wert. Ich kaufe Kunst nicht,umGeld zu machen.»
Mit dieser Philosophie begann er auch Anfang der neunziger Jahre, Immobilien im heutigen Design District zu erwerben. Damals hätte das ehemalige Viertel für Möbelhersteller, das südlich von Little Haiti, zwischen den Highways 95 und 195 liegt, noch als Drehort fürMiami-Vice-Folgen getaugt. Drogendealer verkauften hier ihren Stoff, Obdachlose schliefen in den Hauseingängen,manmachte einen weiten Bogenumdas Viertel. Heute sind die 18 Häuserblöcke, dieumdie 39.und40. nordöstliche Strasse konzentriert sind, eine Pilgerstätte für Designliebhaber. Möbelhersteller wie Kartell oder VitraundKunstsammler wie Rosa de la Cruz – einen grossenNamen nachdemanderen hat Robins in die sanierten Fabrikgebäude aus den zwanzigerunddreissiger Jahren gelockt. Jeden zweiten Samstag imMonat findet der « GalleryWalk» statt. Hunderte von Menschen pilgern dann durch die rund 70 GalerienundShowrooms, nippen an Champagnerunddiskutieren über Avantgarde-Kunst.
« Ich hatte das Gefühl, dass South Beach eine Erweiterung braucht», erklärt Robins seine Motivation. Dass die « DesignMiami» abwandert, entwertet das Viertel seiner Meinung nach nicht. « Die Messe findet ja nur an fünf Tagen im Jahr statt und sie hat viel Platz eingenommen, der jetzt frei ist.»ZumBeispiel für die besten Restaurants der Stadt oder exklusive Modelabels. « Es ist wichtig, eine Nachbarschaft lebendig zu halten. Restaurants spielen dabei eine grosse Rolle, gefolgt von Boutiquen und Designshops. Schliesslich richtetmansich nur alle fünf bis zehn Jahre neu ein, gutes Essen und Klamotten gönntmansich dagegen wesentlich öfter.» Gerade erst haben Marni und Maison Martin Margiela einen Shop im Design District eröffnet. Oder Christian Louboutin. Die Boutique ist selbst ein kleines Kunstwerk:Ander Fassade wachsen Orchideen, innen begrüsst den Besucher eine Installation. « Mir ist es wichtig, Designer für den Design District zu gewinnen, die Wert auf Ästhetik legen und in keine Mall möchten. Der Design District ist ein Brand, deshalb gelingt es mir.»Momentanliebäugelt Robins mit Balenciaga und Lanvin.
Zuerst gilt es jedoch, die fünfte « Design Miami» über die Bühne zu bringen.UndTelefonate zu führen. Während Robins Anweisungen gibt, Fragen stellt und Termine vereinbart, zeichnet er in seinem A3-Skizzenbuch.Warumer selbst kein Künstler geworden ist? « Dafür fehlt mir leider das Talent», sagt Robins bedauernd. Auf seinerFensterbank stehtnebenKinderzeichnungen,denFotos seiner Söhne und Happy-Birthday-Karten ein Buch von Jonathan Tisch. « Citizen You. Doing your part to change the world.» Craig Robins zumindest hat seinen Teil dazu beigetragen, Miami zu verändern.