November 1st, 2007
Bolero
Miamis Design-Tycoon
by Brigitte Ulmer
Miami in einer Dezembernacht 2006: Palmwedel biegen sich majestätisch in der Luft, Mojitos und Crevetten werden aufgetra-gen, eine Mischung aus kubanischem Salsa und Jazz legt sich über die warme Nacht. Ein handverlesenes Grüppchen aus Galeristen, Kunstliebhabern, Künstlern und Freunden von Craig Robins hat den Weg durch Miamis abendliches Verkehrschaos nach "Aqua Island" gefunden, einer "gated community". Die gesicherte Siedlung liegt auf einer vom Indian Creek umgebenen Landzunge am Nordrand von Miami. Polizisten mit Funkgeräten sichern die Einfahrt der privaten Halbinsel. Die Auserwählten sind unter sich, als Craig Robins mit einem entspannten Lacheln sein neuestes Projekt vorfuhrt: ein 225 Millionen Dollar teures Immobilienprojekt, das aus 46 Stadthäusern sowie drei Wohntürmen besteht, und das moderne Architektur mit Kunst und Design mit Meerblick verbindet. Fussgängerfreundlich, mit Plazas und öffentlicher Kunst, von sechs jungen angesagten Architekten aus New York und Miami nach den Prinzipien des "New Urbanism" erbaut. Anlass seiner Cocktail-Party ist die Einweihung eines neuen Kunstwerks. Ein Mosaik im Wasserbecken der Plaza des künstlichen Dorfs, das vom argentinischen Künstler Guillermo Kuitca gestaltet wurde. Man erweist dem neuen Werk seine Ehre, ebenso wie dem von Richard Tuttles. "Splash", ein 40 Meter hones Mosaik aus gefärbtem Glas und Keramik, kriecht die Swimmingpool-Wand entlang und sieht aus wie das aufspritzende Wasser nach einem Sprung in den Pool.
Der Abend fällt natürlich nicht zufällig mit dem Tag der Eröffnungsvernissage der Art Basel Miami Beach zusammen.
Wo immer man das Zentmm des kulturellen und sozialen Get-together orten will, das seit 2002 regelmässig Anfang Dezember in Miami Beach zelebriert wird, es ist nicht weit entfernt von Craig Robins. Robins, 44, smart, charismatisch, Immobilienentwickler, Kunstsammler und Mitbegründer der Design-Messe, ist mitverantwortlich dafür, dass die Art Basel in Miami ihre Zelte aufschlug. "Es gibt zwei grosse Dinge, die mein Leben grundlegend beeinflusst haben", sagt er mit ruhiger Stimme. "Die Wiederbelebung von South Beach und die Ankunft der Art Basel. Die Art Basel hat Miami von einem zu einer internationalen Kulturstadt transformiert." Er erzählt, wie Sam Keller, damals Assistent des Art Basel-Chefs Lorenzo Rudolf, 1998 in Robins Büro stand, um ihn in die Idee einzuweihen, die Art Basel nach Miami zu importieren. "Sam hatte eine grosse Vision und ging ein ebenso grosses Risiko ein. Wir haben sehr eng miteinander gearbeitet. Dass die Vision Realität wurde, ist aber vor allem Sam zu verdanken", sagt Robins. Dass heute die Crème de la crème des internationalen Kunstjetsets einfliegt und die VlP-Parties und Lounges in South Beach bevölkert, Miami zur Kunst- und Designstadt geworden ist, ist aber auch Craig Robins Verdienst.
Er hat nicht nur die Messe Design Miami ins Leben gerufen, die parallel zur Art Basel Miami Beach stattfindet und South Beach wiederbelebt, sondern auch dem Design District neues Leben eingehaucht. Seit 1994 hat er hier nicht weniger als 35 Immobilien gekauft, mitsamt dem Herzstück, dem 1921 erbauten Moore Building. Sein Ziel, das ehemalige Möbelviertel wiederzubeleben, hat Craig Robins innerhalb weniger Jahre erreicht.
Eigentlich wollte Robins, der 1963 in Miami geboren wurde, Kunsthandler werden, doch als er mit 24 sein Jura-Studium abschloss, stieg er schliesslich mit Unterstützung seines Vaters ins Immobiliengeschäft ein. Als South Beach noch ein heruntergekommener Uberwinterungsort für Rentner war, begann er mit seinem Partner Chris Blackwell, dem Musik-Impresario, der Bob Marley entdeckte, heruntergewirtschaftete Art-déco-Haüser zu kaufen und in Boutique-Hotels zu verwandeln. Coole, stylishe Inneneinrichtung, warme Pastelltöne: Fünf der angesagtesten Hotels, darunter das "Tides" und das "Marlin", gehörten den beiden. Schliesslich verkaufte Robins seine Anteile und überliess South Beach den Models und Fotografen. Mit genügend Kapital, um sich ein neues Quartier vorzunehmen, kaufte er in dem ehemaligen Möbelviertel 18 Blöcke und verwandelte es in den Design District. 1998 zog Knoll ein, es folgten zwanzig weitere top Designfirmen, zudem der Hauptsitz der Latin Grammys sowie ein trendiges Restaurant. Auch Robins liess sich hier mit seiner Immobilienfirma Dacra nieder.
Die Raumlichkeiten von Dacra muten an wie ein Kleinmuseum der tonangebenden Gegenwartskunst: Skulpturen des West-coast-Kunstlers Paul McCarthy, Installationen von Joseph Beuys, Gemalde von Kai Althoff wurden von der renommierten deutschen Ku-ratorin Karola Grässlin arrangiert. In seinem luftigen Büro sieht sich Robins umrahmt von Jean-Prouve-Möbeln und Werken von John Baldessari, die er yon seinem Zürcher Galeristen Victor Gisler von der Galerie Mai 36 erworben hat. Mit ihm ist er ebenso befreundet wie mit dem New Yorker Galeristen Jack Tilton, der gerade kurz hereinschaut und Komplimente für die neue Aufhängung der Werke verteilt. Robins ist exzellent vernetzt. Als Geschäftsmann ein Dynamo, kommt er ausserlich dagegen auf Samtpfoten daher: Seine Stimme und Gestik sind betont entspannt. Sein weiteres Markenzeichen - kahlrasierter Kopf und auffälliges Brillengestell - unterstreichen den Charakterkopf. Robins ist ein Idealist. Ihm gehe es, betont er, bei der Entwicklung des Design Districts nicht um den maximalen Profit, sondern daram, ein "kreatives Laboratorium" zu schaffen. Er schwärmt vom positiven Effekt, den Kunst und Design auf das Leben einer Gemeinschaft haben. Craig Robins zeigt sich fest entschlossen, der Kommerzialisiemng und kulturellen Entleerung, die South Beach heimgesucht haben, im Design District Einhalt zu gebieten. "Wir müssen nicht zwingend mit allem Geld machen", sagt er. "Wir haben genügend weitere starke Geschäftszweige, die uns helfen, andere Projekte zu unterstützen."
Zum Beispiel die Design Miami, eine Messe für Design des 20. und 21. Jahrhunderts, die er 2005 mit seiner Partnerin Ambra Medda gegründet hat. In Kürze hat sie sich zum Topevent entwickelt und im Moore Building eine spektakuläre Buhne gefunden. Das Paar Robins/Medda versteht sich bestens auf PR. So präsentiert es auch die besten Design-Galerien und den Preis "Designer of the Year" (2005: Zaha Hadid, 2006: Marc Newson). In der Eröffnungsnacht der Design-Messe pilgert die internationale Karawane von Sammlern, Design-Fans und Partyhoppern durch die Strassen des Design Districts zum Moore Building. Für Satellitenausstellungen hat Robins eigene Gebäude zur Verfügung gestellt. Das Centre Pompidou zeigt in einem dieser Gebaude Sammlungsstücke von Eileen Gray bis Jean Prouvé. Zudem locken das Publikum eine Schau von russischer Gegenwartskunst, der New Yorker In-Galerist Jeffrey Deitch, eine Performance von John Bock im Moore Loft sowie neues Design der Londoner Firma Established & Sons.
Es gibt Leute, die sagen, Craig Robins sammle Kunst und Design, wie er Immobilien sammelt. Gëschaftspartner attestieren ihm, dass er Kunst als Marketinginstrument für seine Immobilienunternehmen einsetzt. Robins kontert solche Ideen mit einem sanften Lächeln: "Ich versuche nur, einen Sinn für Gemeinschaft zu kreieren. Dabei fokussiere ich auf Design, Architektur und Kunst." Also doch Kunst als Marketinginstrument, um Stadtquartiere attraktiver - und lukrativer - zu machen? "Ich wende Kunst und Architektur an, um ein Gespür für einen Ort zu schaffen. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie ein Quartier auf eine andere Art interessant werden soll als durch Architektur, Design oder Kunst."
Für Robins ist Kunst und Design "eine Frage der psychischen Qualität des Lebens".
Kunst- und Designsammeln ist seine Obsession. In seinem Stadthaus auf Aqua Island und seiner Villa im mediterranen Stil auf Sunset Island bei Miami Beach stehen Tische und Stühle von Gio Ponti und Jean Prouvé, an den Wänden hangt Kunst aus seiner umfangreichen Sammlung, darunter Thomas Scheibitz, Marcel Duchamp, Marlene Dumas - die Topliga der Gegenwartskunst. "Wenn du dich an einem Ort aufhältst, der gut gestaltet ist, der seine eigene Identität hat und in einem kreativen Sinn gut geerdet ist, fühlst du dich besser, du geniesst das Leben mehr und du schatzt es mehr."
Warum er selbst kein Designer oder Künstler geworden ist, dafür hat er schnell eine Antwort parat: "Ich sehe mich nicht als Kreativen, sondern als Produzenten." Craig Robins hat die Zeichen der Zeit erkannt: Die Produktion von Kreativität ist ein Millionenbusiness.
DEZEMBER-EVENTS IN MIAMI
DESIGNMESSE: Design Miami, 7. - 9, Dezember 2007 The Moore Space, Design District. Information: www.designmiami.com
KUNSTMESSE: Art Basel Miami Beach, 6. - 9. Dezember 2007. Information unter: www.artbaselmiamibeach.com
DESIGN DISTRICT: Informationen:
www.miamidesigndistrict.net
BUCHTIPP
"COOL SPOTS MIAMI":JedeMengelnsidertipps und die angesagtesten Adressen des tropischen Hotspots liefert dieser schicke Guide. Erschienen im teNeues Verlag, CHF 27.50, www.teneues.de