March 1st, 2005
Elle
Glam-Art
by LYDIA SCHMIDT
Feiern und kaufen: Die neue "Art Basel Miami Beach" wurde aus dem Stand zum schillerndsten Kunstevent der Welt
Drei Uhr nachmittags, 25 Grad im Schatten. Am Strand aalen sich die Sonnenanbeter unter einem wolkenlosen Himmel. Nur in den tiefgek?hlten Hallen des "Convention Centers", zwei Blocks weiter, herrscht hektische Betriebsamkeit. 34 Container, an die 180 Tonnen schwer, sind angekommen und verladen worden. Eine ganze Armada von Arbeitern hat f?nf Kilometer lange W?nde hochgezogen, Teppiche verlegt, Kabel und Lichtanlagen installiert. Inmitten von Sperrholzkisten steht der Galerist Gerd Harry Lybke (Berlin, Leipzig) und befestigt gro?formatige ?lbilder an seinem Stand. Zwei G?nge weiter platziert sein ?sterreichischer Kollege Thad-d?us Ropac eine mannshohe Skulptur aus Bronze: Der Countdown l?uft.
Erwartet werden die Sammler der Welt - zur Er?ffnung der Kunstmesse "Art Basel Miami Beach", einem Ableger der hochkar?tigen "Art Basel". Manche kommen nur zum Kaufen, andere lockt der f?nft?gige Marathon von Cocktailpartys und Champagner-brunchs auf Penthouseterrassen und Yachten, in Museen und Galerien, in den Villen und Privatsammlungen der ans?ssigen Kunstliebhaber. Und da Kunst so hip (und auch langsam wieder so teuer) ist wie zum letzten Mal in den achtziger Jahren, haben sich Celebritys aus Hollywood und Musikbusiness en masse angesagt. Darunter Tobey Maguire, Dennis Hopper, Eric Clapton, Iggy Pop. Donna Karan und Ralph Lauren fliegen mit Privatjets ein wie auch ein Dutzend Finanzgr??en, Filmproduzenten und Immobilientycoons.
Sp?ter Abend: Die millionenschweren de la Cruz, Vertreiber von Budweiser-Bier und Coca-Cola, haben die Tore zu ihrem mond?nen, bis unters Dach mit Kunst gef?llten Anwesen ge?ffnet und zum traditionellen Welcomedinner gebeten. Ein A-List-Event. 1000 G?ste sind erschienen. Im Garten mit Blick ?ber die sternenbeleuchtete Bucht von Key Biscayne wiegen sich bleistiftd?nne New Yorkerinnen in Schwarz zu tropischen Calypso-Kl?ngen. Der Direktor des Londoner Museums T?te und ein Kunstkritiker der Times diskutieren im Schlafgemach ?ber die spektakul?re Arbeit des brasilianischen Newcomers Assume Vivid Astro Focus, der das gesamte Oberge-schoss in eine begehbare, kaleidoskopartige Installation verwandelt hat. Weil man nur barfu? nach oben darf, steht an der Treppe eine Sammlung Schuh-Nobelmarken: Ferragamo, Helmut Lang, Prada, Gucci... Man ist eben unter sich. "VIP" prangt in riesigen Lettern auf der Flotte Luxuslimousinen (Sponsor BMW), mit denen die wichtigsten G?ste am n?chsten Tag zur Messe-Preview gefahren werden. "Eigentlich kann ich schon nach Hause fliegen" freut sich Gerd Harry Lybke von "Eigen + Art". Nach einer halben Stunde (!) war sein Stand leer gekauft. Die acht morbidromantischen Gem?lde des Newcomers Martin Eder gingen weg wie die sprichw?rtlichen warmen Semmeln. F?r 36 000 Euro das St?ck. Gemalte Paradiese statt Diskurskunst entsprechen dem Zeitgeschmack. Hoch im Kurs stehen auch die jungen Neo-Realisten der Leipziger Schule mit ihrer Leitfigur Neo Rauch, den es zurzeit nur auf Warteliste gibt. Auch bei der Galerie "Thadd?us Ropac" zufriedene Mienen: 40 Werke, darunter h?chstpreisige Arrivierte wie Base-litz, Katz und Gilbert und George, waren nach einer Stunde weg. "Die amerikanischen Sammler werden immer j?nger und immer gerissener" sagt der Stargalerist, auf dessen Rolodex so mancher eifers?chtig ist.
"The Future is German" titelt die internationale "Art Newspaper" am n?chsten Tag. Die deutschen Leinwandhelden sind auch Gespr?chsstoff auf der ?berlaufenen Party der Rubell-Familie, die ihre 6000 Werke umfassende Privatsammlung in einem ehemaligen Drogenkonfiszierungslager untergebracht hat und inmitten ihrer Kunst auch wohnt. Mit dem Opening "Northern Light: Leipzig in Miami" feiert sie ihren deutschen Beutezug: Tim Eitel, Martin Kobe, Christoph Ruck-h?berle, Neo Rauch, David Schnell und Matthias Weischer.
Tausende sind es, die am Abend durch den Design District von South Beach ziehen, wo der Immobilienmagnat Craig Robins zur "Art Loves Design"-Streetparty mit Salsabands geladen hat und neben seiner eigenen Kollektion Crossover-Events aus Architektur, Design und Kunst pr?sentiert. Heftigst umdr?ngt und bewundert: die Neuinterpretation eines Kronleuchters vom israelischen Designstar Ron Arad auf der mond?nen Swarovski-Party. Und die morbiden Radierungen von Comic-Helden, die der Newcomer Greg Lauren mit Unterst?tzung von Modeonkel Ralph und Ehefrau Elizabeth Berkley in K?rze ausverkauft.
Auch am Ocean Drive herrscht sp?t noch reichlich Auflauf. Auf der Piager-Party in der ehemaligen Villa von Gianni Versace, der Casa Ca-suarina, tanzen ein Picasso-Enkel und diverse New Yorker Societygr??en um den legend?ren, im maurischen Stil gebauten Pool. Vor dem Tor versuchen in der Zwischenzeit jede Menge Ungeladene, sich an den bulligen (und strengen!) T?rstehern vorbeizudr?cken, w?hrend neugierige Touristen die Szenerie wie wild fotografieren - typisch eben: So feiert Miami Beach. Die Kunst und die Kunst zu leben.